yoga
Yoga ist heutzutage zu einem schillernden Begriff mit sehr verschiedenen Bedeutungen geworden. Überwiegend werden damit – häufig verkürzend – einerseits spezielle Körperübungen assoziiert, die Außenstehende manchmal als akrobatische, große Beweglichkeit erfordernde „Verrenkungen“ interpretieren. Andererseits findet man auch spirituelle oder esoterisch anmutende Themen unter diesem Begriff.
Dabei bedeutet das aus dem Sanskrit, der altindischen Gelehrtensprache stammende Wort einfach „eine (intakte) Verbindung herstellen“. Für eine solche Handlung ist ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit erforderlich, damit eine Verbindung entstehen kann, die man als erwünscht und gelungen, also funktionierend und bleibend ansehen kann.
DIE PASSENDE BEZIEHUNG Nun stellt sich die Frage, was denn verbunden werden soll? Ursprünglich bezog sich der Begriff „Yoga“ im alten Indien auf das Einspannen von Ochsen oder Pferden vor einen Karren. Wenn heute jemand von Yoga spricht, ist natürlich nicht mehr das gemeint.
Um welche Verbindungen handelt es sich also? Ein zentrales Anliegen ist die Verbindung des Bewusstseins mit all den Anteilen, die den Menschen ausmachen: also der Körper mit Knochen, Muskeln, Sehnen, Blutgefäßen, Kreislauf- und Verdauungsorganen; dazu die Sinnesorgane und die mentalen Anteile, also das Registrieren von Wahrnehmungen durch die Sinne, Reflexion, Erinnerungen, Planung von Handlungen, schließlich Emotinen, Gefühle, Gedanken und Erkenntnisse.
ASANA Unter Asana versteht man das aufmerksame Ausführen und Verweilen in einer Körperhaltung, welche „vitale Stellen“ (Marmas) stimuliert. Es auch bietet Gelegenheit, die verschiedenen körperlichen, mentalen und emotionalen Anteile und deren Beziehungen zu beobachten.
War mit dem Begriff Asana ursprünglich nur eine sitzende Haltung gemeint, so wurden im Laufe der Zeit viele weitere Haltungen auch in stehender, liegender und umgekehrter Position entwickelt.
FRISCH ODER WELK Ein wichtiger Aspekt sollte dabei auch die Frage sein, ob die beobachteten Prozesse „frisch“ oder „welk“ machen, ob sie also die Gesundheit fördern oder beeinträchtigen. Konkret kann das heißen: Übe ich meinen momentanen Möglichkeiten gemäß, oder fordere ich zu viel, zu wenig oder gar etwas Falsches von meinem Körper? Genaues Beobachten verlangt also einen wachen Geist, um die Signale der Sinne zu erfassen, richtig zu interpretieren, in geeignete Handlungen umzusetzen und das neu Gefundene und Passende zu stabilisieren.
Beim Ausführen von Asanas spielt der Tastsinn die Hauptrolle. Dabei geht es um das Erleben von Dehnung, Druck und Zug bei Bewegungen der Gelenke, in der Herstellung von Stabilität und Gleichgewicht, bei verschiedenen Erfahrungen von Schwere und Leichtigkeit, im Erleben der Organe usw.
Lernen an Körper, Atem und Geist
Die Lernbereiche des Yoga erstrecken sich auf den ganzen Menschen, also auf Körper, Atem und Geist. Diese Aufteilung ist natürlich theoretisch, denn praktisch lässt sich kein Bereich ohne die Berücksichtigung der anderen bearbeiten – zumindest nicht im Sinne des Yoga.
YOGA SUTRA also „Leitfaden des Yoga“ – so heißt ein grundlegenden Text über Yoga. Über den Verfasser Patanjali ist sich die Forschung nicht einig, ob er eine vor ca 2000 Jahren tatsächlich existierende Person war oder ein Pseudonym, hinter dem mehrere Verfasser stecken.
In dieser, in kurzen Versen geschriebenen, traditionell lange nur mündlich weiter gegebenen Lehrschrift wird gleich zu Beginn klar ausgedrückt, dass das Hauptthema des Yoga der Geist mit seinen Aktivitäten ist.
Geist
Der „Geist“ – in Sanskrit citta genannt – nimmt im Yoga die zentrale Stellung ein. Citta ist der Überbegriff jene Instanz in uns, die alle inneren Vorgänge kontrolliert: bewusst werden, aufmerksam sein, wahrnehmen, bewerten, fühlen, erinnern, also alles, was irgendwie mit „Denken“ zu tun hat. In der dem Yoga zugrunde liegenden Samkhya-Philsophie wird genauer unterschieden in Ich-Bewusstsein (ahamkara), Verstand (manas), Vernunft- und Urteilsfähigkei und Intuition (buddhi).
Yoga bedeutet demnach die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken und sozusagen hinter die Kulissen der verschiedenen Aktivitäten des Geistes zu schauen. Es gilt, Störfaktoren zu identifizieren und zu bereinigen. Die so entstandene Beruhigung macht „wesentliche“, d.h. einen selbst bereffende Einsichten möglich . Der klassisches Vergleich im Yoga ist jener mit den Wellen eines Sees, nach deren Beruhigung ein klarer Blick auf dessen Grund möglich wird.
Atem
Der Atem ist die treibende Kraft im menschlichen Leben. Das kommt auch in der Sanskrit-Bezeichnung Prana zum Ausdruck als „das, was etwas hervor/ vorwärts bringt“. Die Aufmerksamkeit sollte bei jedem Asana gleichwertig dem Atem gelten. In Pranayama, einem speziellen Lernbereich des Yoga-Weges, wird in weiterer Folge der Atem in den Vordergrund des Übens geholt, nachdem die körperlichen und mentalen Voraussetzungen geschaffen worden sind.
Körper
Yoga-Praxis verbindet man heutzutage üblicherweise mit Körperübungen, den Asanas. Bilder davon suggerieren häufig akrobatisch anmutende Bewegungen mit großen Anforderungen an Beweglichkeit, Kraft oder Gleichgewichts-vermögen. Dabei können jedoch schon einfachste Bewegungen oder Haltungen den Anforderungen einer Yoga-Übung genügen. Denn Asana bedeutet eigentlich außer ursprünglich „ruhig sitzen“ auch aufmerksam sein, im weiteren Sinn auch „sich zu den eigenen Lebenskräften setzen“.
Das Konzept der Marmas
Einen differenzierteren Zugang zum Üben bietet die Orientierung an den Marmas. Dieses Konzept der „vitalen Stellen“ stammt aus dem Ayurveda.
Als Marmas werden demnach 107 Orte im lebendigen Körper bezeichnet, an denen Gesundheit und Wohlbefinden lebensentscheidend reguliert werden. Nach ihrer wörtlichen Bedeutung sind es nämlich Orte, „an denen der Tod eintreten kann“. An ihnen werden nicht nur wichtige Körperfunktionen wie Atmung und Kreislauf, Kraft, Bewegung, Koordination und Gleichgewicht reguliert, sie betreffen auch unabdingbar sowohl alle Sinneswahrnehmungen, die Planung von Handlungen, das Treffen von Entscheidungen, das emotionale Befinden und auch die sozialen Beziehungen.
Bei der Beschäftigung mit den Marmas geht es somit immer ganz konkret und unmittelbar erfahrbar um die Frage nach dem „Fluss des Lebens“ überhaupt: Ist er fließend, stockend oder gar von „Austrocknung“ bedroht? Wirkt eine konkrete Yoga-Übung also „frisch oder welk“ machend? Das ist unmittelbar überprüf-bar in der Erfahrung von Schmerz oder Wohlbefinden. Marmas betreffen einen also immer ganz konkret.
Üben von Asanas bedeutet demnach, diese Orte zu erreichen, sich ihrer bewusst zu werden, zu aktivieren, was vielleicht ins Stocken geraten, unangenehm oder gar schmerzhaft ist und zu einem positiven, angenehmen Erleben der jeweiligen Funktionen zu gelangen – also Kraft, Beweglichkeit, Belastbarkeit usw.
Quellen:
Bögle, R.: Das große Yoga-Buch. München 1993
Bögle, R., Lüthi, R.: Erfolgsfaktor Gesundheit. Bern 2000
Bögle, R.: Ayurveda Yoga, München 2007
